Ich war etwa sechs, als ich etwas Tolles geschenkt bekommen habe. Caça Monstro hieß das abgefahrene Spiel. Ganz viele Karten mit gruseligen Monstern wurden auf dem Tisch verteilt. Es gab eine “Monsterbox” – man drückte hier auf einen Knopf, und die darauf abgebildeten Monsterteile fingen an sich zu drehen, bis ein komplettes Monster erschienen ist. Das wiederum musste man auf den Karten wiederfinden und als erster mit dieser Plastikhand mit dem Saugnapf drauf schlagen. Ein toller Spaß, den ich exakt einmal erlebt habe. Schon damals fand ich andere Dinge viel spannender – zum Beispiel die Musik. Und so drehte ich die afrobrasilianische Trommelmusik laut auf und klopfte mit den Plastikhänden auf alles, was in der Nähe war. Aber nicht mit der Saugnapfenseite, sehr zum Leidwesen meiner armen Tante.
Sie fand es weder toll, dass die Plastikhände ziemlich schnell hinüber waren, noch dass die Nachbarin aus dem 9. Stock sich immer wieder über meine laute Musik beschwerte – denn immerhin war sie 6 Stockwerke von uns entfernt.
Die Musik ist so ziemlich das Einzige, was sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Als ich nach Deutschland kam, habe ich tatsächlich in einer brasilianischen Trommelband gespielt, fast 10 Jahre lang. Mit ca. 20 Leuten in einem viel zu kleinen, heißen, dunklen, muffigen und lauten Proberaum war es kein Wunder, dass es das Größte war, wenn wir da mal rauskamen, um auf den Straßen zu spielen. Egal vor wie vielen Leuten wir gespielt haben, mir hat das überhaupt nichts ausgemacht, auf der Straße oder auf einer Bühne zu stehen, zu spielen, zu tanzen – ich war einfach glücklich und eins mit der Musik.
Was ich nicht behaupten kann, wenn ich mit der Gitarre irgendwo auftreten soll. Und mit auftreten meine ich vor Menschen spielen. Also auch vor einem Menschen. Sprich vor einem Menschen, ganz gemütlich bei mir auf dem Sofa. Es geht gar nicht, meine Finger fangen an zu zittern, mein Herz fängt an zu flattern, ich steigere mich immer weiter rein und kriege gar nichts gebacken.
Das ärgert mich wahnsinnig, denn wenn ich ganz für mich alleine mit der Gitarre bin, dann kann ich eins werden mit der Musik, mich einfach fallen lassen und alles um mich herum vergessen. Ich habe schon alles mögliche versucht, dass es besser wird:
- mich immer wieder dazu zwingen
führt dazu, dass die Angst jedesmal ein bisschen größer wird. Da quäle ich mich und quäle ich mich und es kommt kein vernünftiger Ton raus, ich verheddere mich, verkrampfe mich und verschwitze meine Oberteile. - mich betrinken
führt dazu, dass ich entweder zu wenig trinke und weiterhin Angst habe oder genug trinke und keine Angst mehr habe, dafür aber die Gitarre womöglich falsch rum halte. Keine so leicht umsetzbare Geschichte. - Hand auflegen (lassen)
ja, tatsächlich versucht. Für ein Lied, mit einer Person, auf meinem gemütlichen Sofa. Eine sehr abgefahrene Sache. Die aber leider nicht viel gebracht hat. Außer dass wir vielleicht Angst voreinander hatten
So habe ich mir überlegt, was ich noch machen kann, um diese Angst zu besiegen. Und seit ein paar Tagen spiele ich tatsächlich mit dem Gedanken, auf der Straße zu spielen. Anscheinend braucht man dafür keine Genehmigung, jetzt bleibt nur noch die Frage: Wo? So wie ich mich kenne, wahrscheinlich nachts im Industriegebiet. Aber vielleicht liest das gerade einer, der mit mir wetten möchte, dass ich das nicht mache? Ich bin da sehr käuflich und nehme auch EC-Karten an.
Was ich aber auch schon überlegt habe, war in einer Bar aufzutreten, ganz gemütlich und ohne Zwang. Die Bar war schnell gefunden – Freundlich & Kompetent, jeden Dienstag, Open Stage. Ich fuhr hin. Und fand keinen Parkplatz – das musste ein Zeichen sein. So habe ich es wieder sein lassen – bis zum letzten Dienstag.
Ich habe meine Gitarre geschultert, bin in den Bus gestiegen und in diese Bar gegangen. Auf dem Weg dahin habe ich noch gedacht: Wenn es da zu voll oder zu leer oder zu hell oder zu dunkel oder zu warm oder zu kalt ist, gehst du wieder nach Hause. Und als ich da war, dachte ich: Komm, jetzt wenigstens etwas trinken. Und dachte nicht weiter darüber nach, ob ich spielen sollte oder nicht. Naja, zumindest während der Kopfkinopausen, in denen ich überlegte, was alles passieren könnte, wenn ich tatsächlich auftreten würde.
Irgendwann aber dann doch: Was habe ich denn schon zu verlieren. Wenn die Gäste mit Flaschen werfen würden, würden sie bei der kleinen Bühne wahrscheinlich eh meinen Kopf treffen, ich würde zu Boden gehen und mich daran nicht erinnern – dürfte also alles kein Problem sein.
Ich nun rauf auf die Bühne. Uuuuund! Es! Hat! Geklappt! Einfach alles um mich herum auszublenden, mir vorzustellen, ich sitze alleine auf meinem Sofa und habe Spaß. Ich habe nicht versucht, meinen Kopf zwischen den Saiten und dem Gitarrenarm zu verstecken. Meine Finger haben gezittert, mein Herz hat wie verrückt geklopft, aber ich habe es ausgeblendet. Sogar das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte, ist tatsächlich passiert: Ich habe mich verspielt. Aber ich habe dann nicht aufgehört zu spielen und angefangen zu weinen, sondern einfach weiter gemacht – es ging!
Was war ich froh, dass ich mir fünf Titel auf die Hand geschrieben hatte – mein Kopf war so leer, hätte ich nicht drauf gucken können, hätte ich wahrscheinlich gar nicht gewusst, was ich eigentlich für ein Instrument spiele.
Ich hatte das Gefühl, kaum dass ich angefangen hatte, hatte ich schon wieder aufgehört. Alles, was danach kam, ist wie durch Watte zu mir durchgedrungen, so geplättet war ich. Ich habe mich einfach soooo sehr gefreut, über meinen Schatten gesprungen und nicht ohne zu spielen nach Hause gegangen zu sein. Das hätte mich glaube ich wahnsinnig geärgert, ich wäre wirklich enttäuscht von mir gewesen.
Hach ja. Ich glaube, ich habe verstanden, was man mit Blut lecken meint. Und hoffe, am nächsten Dienstag ist es weder zu voll oder zu leer oder zu hell oder zu dunkel oder zu warm oder zu kalt.
