Mir ist schlecht. Während ich diese Zeilen schreibe läuft es mir kalt den Rücken runter. Mein Bauch schmerzt. Mein Kopf und mein Körper versuchen mich von meinen Gedanken abzulenken. Es ist leider kein unbekanntes Gefühl. Es ist das Gefühl der Ohnmacht, der Scham, der Wut und des Unverständnisses, auf die Situation nicht angemessen reagiert zu haben. Aber ich fange lieber von vorne an.

Montagmorgen, mein Kleiner und ich sitzen im Wartezimmer beim Arzt. Der Lütte spielt seelenruhig in der Kinderecke, ich sitze daneben. Außer uns wartet noch eine Frau als eine ältere Dame das Zimmer betritt. Moin.
Keine Minute später steht sie wie vom Blitz getroffen mit den Worten auf: „oh schau mal, da fährt ein Bus vorbei!“. Sie geht, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, schnurstracks auf meinen Sohn zu, hebt ihn hoch, bringt ihn zum Fenster und stellt ihn auf die Fensterbank, damit er sich den Bus anschauen kann. Der Bus fährt vorbei, sie stellt ihn wieder auf den Boden und setzt sich hin. Situation zu Ende. Als hätte es sie nicht gegeben.

Das Ganze an sich ist schon schlimm genug. Aber noch schlimmer war meine Reaktion: nämlich keine. Ich konnte nicht. Ich war dazu nicht in der Lage, ich konnte weder angemessen noch unangemessen reagieren. Ich saß da, als würde ich einen Film gucken, als hätte ich nichts damit zu tun. Mein Kopf war leer. Ich konnte meinen Körper nicht bewegen. Meinen Augen nicht trauen. Und am schlimmsten: ich konnte mein Kind nicht aus einer Situation befreien, in der unser aller Grenzen überschritten wurden.

Wahrscheinlich hat jede von euch eine solche Geschichte zu erzählen. Auf Blogs und Foren sind solche Berichte nichts Neues, auch für mich ist so eine Situation leider kein Neuland, vor gar nicht allzu langer Zeit hat z.B. jemand versucht mein Baby mit seinem Herpesmund zu küssen. In der Zwischenzeit hat eine Freundin meiner Schwiegereltern (die der Kleine vielleicht dreimal im Leben gesehen hat) ihm beim Abschied auf den Mund geküsst. Ich könnte ausrasten. Tue ich aber nicht. Obwohl es vollkommen angemessen wäre.

Es wäre angemessen, im Wartezimmer laut nach Hilfe zu schreien, zu sagen jemand versucht mein Kind zu entführen oder gar aus dem Fenster zu werfen. Weil warum nicht? Was weiß ich denn schon, es laufen genug verrückte Leute rum. Verrückte Leute, die fremde Kinder packen und auf eine Fensterbank stellen. Für mich ist das verrückt, ich kann es mir nicht anders erklären. Es wäre angemessen, darauf genauso verrückt zu reagieren. Aber nein, sie ist sofort zur Stelle, die Bremse in meinem Kopf. Die gesellschaftlichen Normen. Die freundliche ältere Dame, die sich nichts Böses dabei denkt. Alles nicht so gemeint. Ein Missverständnis. Jetzt bloß nicht überreagieren. Was sollen die anderen denken.
Nicht übertreiben. Angemessen reagieren – nicht reagieren.

Grenzüberschreitung fremde Kinder anfassen und die Vorbildfunktion der Mutter

Dabei ist es allein meine verdammte Aufgabe als Elternteil mein Kind dabei zu unterstützen, seine eigene Meinung zu Berührungen zu entwickeln. Insbesondere in einer solchen Situation bin ausschließlich ich dafür verantwortlich, meinem Kind Sicherheit zu geben. Die Sicherheit die es braucht, um später seine eigene Wahrnehmung für Berührungen und Grenzüberschreitungen aller Art zu schärfen, ihr zu vertrauen und seine Meinung dazu zum Ausdruck bringen zu können.
Dass es mir so wahnsinnig schwer fällt dass es überhaupt nicht funktioniert macht mich schier wahnsinnig und dafür gehe ich hart mit mir ins Gericht. Ich habe das Gefühl, ich habe meinen Kleinen im Stich gelassen. Ich war nicht für ihn da. Es bricht mir das Herz.

Vielleicht mag der eine oder andere von euch denken, dass meine Gedanken übertrieben sind. Ich finde nicht. Mein Kleiner ist 2 Jahre alt. Er kann sich nicht alleine wehren, ich muss es für ihn tun. Wie soll er lernen mit Nähe und Distanz umzugehen, wie soll er lernen dass er ein Recht darauf hat, eine Berührung nicht zu wollen und dass er sie abwenden kann? Und vor allem: wie soll er lernen, dass er sich auf seine Mutter verlassen kann, wenn er selbst nicht in der Lage ist, sich und seine eigenen Grenzen zu verteidigen?

Es ist mein ganz persönliches Empfinden: Erziehung, Gefühle und Erinnerungen passieren und entstehen in kleinen, nicht unbedingt weltbewegenden Situationen. Wisst ihr was ich meine? Es braucht keinen „Urknall“, keine „DIE Situation“, keinen „DER Moment“, damit sich Kinder ein bestimmtes Bild vom Verhalten der Eltern machen. Ein Verhalten, welches sie dann als „richtig“ ansehen und übernehmen, weil es ihnen immer und immer wieder vorgelebt wird. Alles nicht so gemeint. Ein Missverständnis. Jetzt bloß nicht überreagieren. Was sollen die anderen denken. Immer und immer wieder.

Es geht mir um soviel mehr als um die Berührung an sich. Es geht mir um das Selbstbewusstsein, welches der Kleine in seinem Leben brauchen wird, für seine Meinung einzustehen und sie laut kundzutun. Es geht mir darum, dass er seine Bedürfnisse sieht und sie benennen kann. Es geht mir darum, dass er das Gefühl entwickelt, dass ich hinter ihm stehe – ohne Kompromisse.

Eine kleine, vielleicht nicht weltbewegende Situation, die für mich so viel bedeutet.

Als der nächste Bus vorbeifährt und die freundliche ältere Dame erneut ansetzt um den Kleinen hochzunehmen löse ich mich aus meiner Starre. „Ich möchte nicht, dass Sie mein Kind anfassen. Lassen Sie das.“

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