Mitte Juni. Zu dieser Jahreszeit kann man den Duft der Sonnencreme in der Nase und das Geräusch von glücklichen, plantschenden Kindern im Ohr haben. Theoretisch. Denn in der Praxis ist der Himmel grau, der Tag verregnet, der Alltag durchgetaktet und die Laune im Keller.
Gespräche mit Freunden und Bekannten lassen mich aber vermuten, dass die dunklen Wolken offenbar nur über mir schweben: Bei ihnen scheint das Gras doch etwas grüner zu sein. Warte, Halt – habe ich grünes Gras gesagt? Ich meine natürlich sattgrüne Palmenwälder.

Familienurlaub in 2017: Höher, länger, weiter

Ich habe das Gefühl, dass das Familienglück heutzutage immer mehr in weite Ferne rückt. Ein Familienurlaub mit Beinen hoch, Zeit füreinander und einer womöglich entspannten Anreise? Wie unglamourös.
Stattdessen werden Flugpläne studiert, damit die vielen Verbindungsflüge bis zum Urlaubsort ideal zueinanderpassen. Im Koffer (oder besser: im Backpacker-Rucksack) werden Bergschuhe für Kleinkinder eingepackt. Das Baby wird samt Trekking-Trage geschultert und los geht es: das individuelle, authentische, bewusstseinerweiternde, ursprüngliche und unvergessliche Urlaubserlebnis. Eine unbezahlbare Erinnerung, welche die reisenden Familien noch lange in den höchsten Tönen loben werden. Als etwas, wonach es sich zu streben lohnt und alles andere in den Schatten stellt:

Das ist unser Kleiner bei den Giraffen während der Safari. Das ist der Sternenhimmel an dem Abend, als wir spontan kein Hotelzimmer finden konnten. Das bin ich in einem Sari bei einer Vollmond-Zeremonie. Das ist der Delfin, mit dem wir beim Schnorcheln geschwommen sind.
Mit diesen unendlich freundlichen Menschen, so wie sie es in Deutschland nicht gibt, haben wir unser Basecamp geteilt.

Stiefkindadoption Regenbogenfamilie eingetragene Lebenspartnerschaft adoptieren Ehe für alle

Und zwischen all den Bildern, Videos und lebhaften Erzählungen kommt sie – die unausweichliche Frage, gerne von einem mitleidigen Lächeln begleitet:

Und ihr? Schon wieder Frankreich?

Ja, schon wieder Frankreich. Schon wieder eine gemütliche zweitägige Anfahrt, fürchterlich. Schon wieder durchqueren wir auf unserer Strecke zwei Länder, die uns nicht mit Stempeln in unseren längst abgelaufenen Pässen beglücken. Schon wieder übernachten wir zwischendurch auf unspektakulären Campingplätzen. Schon wieder ein Aufenthalt in einer unexotischen Anlage mit simplen Holzhäusern. Durchgehend nur eine Station, stell dir das bloß vor. Schon wieder täglich auf einer gepflasterten Straße Brötchen holen und dann auch noch selbst den Tisch decken. Und ja, schon wieder fällt der Kleine abends womöglich nicht von alleine ins Bett weil der Tag für ihn so unendlich ereignisreich war.

Schon wieder Frankreich. Und von mir aus immer und immer wieder. Natürlich reisen wir gerne. Doch für uns stehen im Moment nicht Sehenswürdigkeiten und verschiedene Kulturen im Vordergrund – sondern wir selbst. Unser Familienleben, welches im Alltagstrott manchmal anstrengender erscheint als es eigentlich sein sollte. Für uns ist der Traumurlaub dort, wo wir ganz für uns sein können. Wo wir lange Spaziergänge machen, uns dabei zu unserem schönen Leben beglückwünschen und neue Pläne schmieden. Dort, wo der Bube strahlt, wenn er mit seinen kleinen Schritten die große Welt entdeckt. Dort, wo wir nicht hinfliegen müssen, damit unsere Emmy problemlos mitkommen kann. Dort: der Ort, der für uns alles andere in den Schatten stellt.

Ich musste mir nicht nur einmal anhören, dass ich meinen Horizont nicht erweitere, wenn ich Jahr für Jahr an die gleichen Orten reise. Familienurlaube in Frankreich, Dänemark, Sankt Peter Ording: nicht abgelegen genug, nicht exotisch genug, nicht aufsehenerregend genug.
Inzwischen habe ich mich gut mit dem leise ausgesprochenen Vorwurf arrangiert, selbst keinen Wert auf Kultur zu legen und diesen Wert dem Kleinen nicht vorzuleben.

Jahrzehnte lang habe ich abgelegen genug Urlaub gemacht. Meine brasilianischen Wurzeln machen Europa für mich exotisch genug. Und kilometerweit an einem zweihundert Meter breiten Strand laufen zu können ohne auch nur einem Menschen zu begegnen ist für mich aufsehenerregend genug.

Im Moment lege ich auf eines Wert: Luxus. Den Luxus, Zeit zu haben. Zeit, das Familienleben bewusst wahrzunehmen. Zusammen an einem Tisch zu essen. Gemeinsam den Alltag zu erleben. An all die schönen Erinnerungen der letzten Jahre anzuknüpfen. Bei einem Glas Wein abends festzustellen, wie sehr sich unser Leben verändert hat. Wie glücklich wir darüber sind, dass unsere gesunden Beinen uns so weit tragen.

Wir suchen keinen Ausgleich zu unserem komplizierten Leben, wir müssen nicht erleuchtet und unser Alltag soll nicht aufregender und bunter werden.

In ein paar Tagen geht es mit dem Auto nach Frankreich. Schon wieder. Denn unser Familienglück, das suchen wir nicht in fernen Ländern. Das tragen wir in uns.

Wie weit muss man reisen, um einen glücklichen Familienurlaub zu verbringen?