Seit letzter Woche kann man auf sozialen Medien der viralen Reaktion auf den Sex-Skandal um den Hollywood-Produzenten Weinstein kaum entgehen.
Gefühlt meine gesamte Timeline folgt dem Aufruf, unter dem Hashtag #MeToo ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und damit dazu beizutragen, das Ausmaß des ganzen Dramas sichtbarer zu machen.

Ich begrüße die Aktion – keine Frage. Sie zieht immer weitere Kreise und macht aufmerksam auf ein Problem, welches nicht ausschließlich von schmierigen Typen in Bademänteln ausgeht. Ganz im Gegenteil: sexuelle Übergriffe finden täglich und überall statt. Am Arbeitsplatz, auf der Straße, im Freundeskreis, in der Familie. Alter spielt keine Rolle, genauso wenig wie Aussehen. Niemand ist vor ihnen sicher. Und trotzdem:

Ich weigere mich, Teil der #MeToo-Bewegung zu sein

Sexismus-Debatten, die durch soziale Medien initiiert wurden, gibt es inzwischen gefühlt so viele wie Sand am Meer. #Aufschrei, #ImZugpassiert, #notokay, #whenIwas und #ausnahmslos – seit Jahren sorgen diese Hashtags immer wieder für Wellen der Empörung und Anteilnahme. #MeToo reiht sich hier ein und hat mit allen vorangegangenen Debatten eines gemeinsam: sie bürden den Opfern auf, ihren Schmerz und ihre Scham in die Öffentlichkeit zu tragen und zur Schau zu stellen.

Natürlich ist es keine Alternative, dass die Opfer schweigen. Nur: Inzwischen müssten wir doch alle verstanden haben, wie unendlich viele Frauen Opfer von Sexismus sind. Und auch müssten wir verstanden haben, dass Sexismus unzählig viele Facetten hat und nichts ist, was im versteckten Kämmerlein passiert. Es geschieht tagtäglich, direkt vor unserer Haustür, direkt vor unserer Nase.

Wie wäre es, wenn sich all diejenigen mit #MeToo zur Wort melden, die beschämt weggesehen haben als Sexismus direkt vor ihrer Nase stattfand? Die sexuelle Übergriffe und sogar Gewalt ignoriert haben? Nie eingegriffen haben? Oder lasst uns doch sagen: die es gar unterstützt haben? Wie können sie weiterhin schweigen und mitfühlend nicken, während genau genommen SIE diejenigen sein müssten, die sich zur Schau stellen?

Und deswegen weigere ich mich, Teil der #MeToo Bewegung zu sein.
Nicht weil ich nicht Blogpost für Blogpost mit meinen eigenen Erfahrungen füllen könnte. Sondern weil es nicht sein kann, dass wir noch einen Hashtag brauchen um auf uns aufmerksam zu machen.
Es kann nicht sein, dass es unser Job ist, alle daran zu erinnern wie präsent Sexismus ist.
Es kann nicht sein, dass es unser Job ist, die Sensationslust vieler zu stillen.

Inzwischen sind wir ziemlich geübt darin, uns als Opfer zu verstehen. Nur: das Problem wird nicht aufhören, solange sich die (Mit-)Täter nicht als solche begreifen. Passives Zuhören und verständnisvolles Nicken wird nicht dazu beitragen, Sexismus zu bekämpfen. Nicht wir Opfer müssen uns ändern. Die Täter müssen sich ändern.