Ein zweites Kind kommt in die Familie. Hach, was hat sich das für uns lange traumhaft angehört und angefühlt. Wie aufregend, wie neu… Wochenlang haben wir uns ausgemalt wie alles sein wird. Platzt die Fruchtblase mitten in der Nacht und wir fahren aufgeregt ins Krankenhaus? Dürfen wir dort wie beim Buben viele entspannte Tage verbringen, bis die Geburt losgeht? Bleibt uns danach genauso viel Zeit, uns kennenzulernen? Wie wird die erste Begegnung des Buben und des Babys sein? Wie wird es sein wenn wir nach Hause kommen?

Eine beunruhigende Diagnose später und schon drehen sich unsere Gedanken um ganz andere Dinge. Wer hier länger mitliest, weiß: das Baby wird leider nicht optimal versorgt und wächst schon länger nicht mehr zeitgerecht. Damit geht bei mir die Gefahr einer Schwangerschaftsvergiftung einher, die sich von Tag zu Tag mehr ankündigt. Es wird ein Frühchen – was das für uns alles bedeutet, ist unglaublich schwer in Worte zu fassen.

Wir wollen unsere Situation verändern und können es nicht. Wir möchten sie beeinflussen und können es nicht. Wir fühlen uns ohnmächtig – und das ist der einzige Punkt, an dem wir ansetzen können.
Wir wollen uns der Situation nicht ausgeliefert fühlen. Darauf warten, dass die Schwangerschaftsvergiftung losgeht. Von einer Untersuchung zur anderen leben, umgeben von der Angst, dass die Werte doch besorgniserregend sind. Wir wollen nicht bei jedem Zipperlein aufhorchen, ob es jetzt vielleicht doch etwas Schlimmeres sein könnte.

Was wir in letzter Zeit gemerkt haben: es kostet unendlich viel Kraft, positiv zu bleiben, mit Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft zu schauen. Zu denken, wir wuppen das schon – völlig egal was auf uns zukommen mag. Wie schon so vieles davor auch.

Nur: noch viel mehr Kraft kostet es, uns ständig Sorgen zu machen. Uns mit negativen Gefühlen zu umgeben und uns zu fragen, warum ausgerechnet wir. Je tiefer man sich runterziehen lässt, desto mühseliger ist der Aufstieg… Deswegen wollen wir es gar nicht erst soweit kommen lassen. Und haben uns in letzter Zeit eine Menge Gedanken darüber gemacht, wie wir den Buben auf diese Ankunft vorbereiten können.
Denn wir wollen uns auf etwas vorbereiten, auf das es keine Vorbereitung gibt.

Frühgeburt: Geschwisterkinder auf Frühchen vorbereiten

Frühchen - Geschwisterkinder auf eine Frühgeburt vorbereiten - unsere Erfahrung, etliche Tipps und gute Bücher - Erfahrungsaustausch

Wer ein bisschen im Netz sucht, findet eine Menge gut gemeinte Listen, wie man sich auf die Ankunft seines Frühchens zu Hause vorbereitet. Beistellbettchen, Wickelkommode, Babyschale fürs Auto. Als wäre es damit erledigt, sobald man mit seinem Frühchen das Krankenhaus verlässt. Ein etwas zu klein geratenes Baby, mehr nicht. Vielleicht fühlt sich das genau so an – ich weiß es glücklicherweise nicht. Aber uns treiben so viel mehr Fragen um, dass ich mir kaum vorstellen kann, sie mit der Beschaffung der Erstausstattung beantwortet zu wissen.

Insbesondere für den Großen ist die Ankunft eines Babys eine riesige Veränderung. Familienzuwachs, was bedeutet das? Wird er in der Lage sein, diese Umstellung zu begreifen? Klar ist das Netz voll mit Tipps, wie man die Großen aktiv einbindet, mit ihnen Willkommensschilder bastelt und das Babyzimmer gemeinsam dekoriert damit sie sich gebraucht fühlen. Doch ist das wirklich alles?

Was uns ganz konkret bewegt sind ganz andere Fragen. Wie meistern wir die Zeit, in der wir (oder einige von uns) im Krankenhaus sein müssen? Wie lange wird es dauern? Ein paar Tage? Viele Wochen? Wer kann auf den Großen aufpassen, was machen wir mit dem Hund? Und wie können wir dafür sorgen, dass der Große sich nicht ausgegrenzt fühlt? Wenn wir schon manchmal Angst vor dem haben, was auf uns zukommt – wie belastend mag das alles für ihn sein? Wie können wir seinen Alltag so normal wie möglich weiterlaufen lassen, wenn alles drum herum alles andere als normaler Alltag ist?

Tausend Fragezeichen und noch mehr Unsicherheiten rauben uns den Schlaf und wir versuchen, sie zumindest so zu händeln, dass der Kleine sich nicht plötzlich alleine mit ihnen sieht.

Geschwister auf Frühchen vorbereiten - Tipps & Erfahrungsaustausch

Über den Umgang mit der Angst

Mamãe, wenn sie dich aufschneiden, bist du doch kaputt!

Natürlich haben die Geschwisterkinder Ängste, genauso wie die Eltern.
Wir nehmen sie ausnahmslos ernst und versuchen den Großen kindgemäß mit offenen Gesprächen an das Thema heran zu führen. Diese Sorgen können wir ihm nicht immer nehmen, aber darüber zu sprechen hilft sicher mehr als ein vermeintliches Beschützen durch Schweigen.
Die Geburt, die sehr wahrscheinlich nicht so sein wird wie seine – mit Kaiserschnitt, vielen Spritzen und piepsenden Monitoren – alles da, um Mamãe und das Baby gesund zu halten. Nein, ich gehe nicht kaputt wenn man meinen Bauch aufschneidet, sondern muss nur ein bisschen länger liegen. Was er aber jetzt schon kennt, dadurch dass ich alle Nase lang die Beine hochlegen muss um die Schwellungen in den Griff zu bekommen.
Wir werden häufiger unterwegs sein, er kann und soll uns aber gerne und jederzeit besuchen! Manchmal belasten die Kleinen die naheliegendsten Dinge. Wir versuchen dem Buben das Gefühl zu geben, dass er mit seinen Gedanken und Sorgen nicht alleine ist und das wir jederzeit für ihn da sind.

Nach Hilfe fragen und sie annehmen

Ich muss sagen: dieser Punkt ist für uns gar nicht so einfach. Leider haben wir kein allzu großes Netzwerk, auf das wir zurückgreifen können. Aber wer sich auf die Unterstützung von Eltern und Schwiegereltern, Freunden und Nachbarn verlassen kann, der kann sich wirklich glücklich schätzen. Es muss nicht immer gleich die ganz große Nummer mit Übernachtung und allem drum und dran sein. Ganz im Gegenteil: natürlich wollen auch wir versuchen, unsere Routinen möglichst aufrecht zu erhalten und am liebsten vertraute Personen in den neuen Alltag einzubeziehen.
Wie gut sich das umsetzen lässt wird sich noch zeigen…
Dennoch: für uns wird es sicher eine Entlastung sein zu wissen, wer ihn von der Kita abholen und etwas Leckeres zaubern kann wenn es mal später wird, falls z.B. an einem Wochenende Not am Mann ist.
Dafür haben wir eine Übersicht gemacht, die uns beim Planen hilft und uns dadurch ein gutes Gefühl gibt. Darin sind Freunde und Verwandte samt Telefonnummern und Adressen und „möglichen Zuständigkeiten“ eingetragen, wir haben die Liste abfotografiert, fertig.
Gar kein großes Hexenwerk, nur damit wir vor Augen haben wer was machen könnte – nicht jedem passt es, den Buben früh in die Kita zu bringen oder mit dem Hund spazieren zu gehen. Wenn das Baby da ist werden wir unsere Köpfe für etwas anderes brauchen und nicht für die Planung wer welch könnten Part übernehmen könnte.

Im nächsten Schritt wollen wir uns um eine Unterstützung durch die Krankenkasse kümmern. Wir stehen hier noch am Anfang und haben noch nicht mehr gemacht, außer den Antrag auszudrucken. Aber falls ihr Interesse habt, kann ich euch gerne darüber auf dem Laufenden halten.

Frühchen - Geschwisterkind auf Frühgeburt vorbereiten

Geschwisterkinder aktiv einbinden

Wie gesagt: meiner Meinung nach gehört hier so viel mehr dazu als dem Baby ein Bild zu malen. Diese Woche waren wir zur Geburtsplanung im Krankenhaus und nächste Woche planen wir einen Besuch mit der ganzen Familie dort (vorausgesetzt natürlich, wir sind alle gesund).
So hat der Große die Möglichkeit, sich die Frühchenstation anzuschauen und vielleicht die eine oder andere Person kennenzulernen, die dort etwas Zeit mit ihm verbringen wird. Ich finde, je mehr bewusst wahrgenommen wird, desto eher kann einem die Angst vor dem großen Unbekannten genommen werden.
Natürlich weiß ich nicht, wie pflegebedürftig unser Baby sein wird. Aber wir reden jetzt schon mit dem Großen darüber, dass er z.B. beim Wickeln helfen kann. Wir möchten ihn soweit es geht in die Pflege mit einbeziehen, damit er das Gefühl hat etwas dazu beitragen zu können, dass der Kleine schnell gesund wird.
Einen sehr guten Tipp den ich euch unbedingt weitergeben möchte, habe ich von einer Regenbogenfamilie mit Frühchen bekommen:

Wenn euer Baby an vielen Kabeln liegt, versucht nur euer Kind zu sehen.

Mir hat es geholfen, um diesem Bild das in meinem Kopf herumgeistert den Schrecken zu nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass auch der Große überrascht ist, ein so kleines Baby zu sehen und halte es für einen guten Weg, auch ihn damit zu trösten.

Bücher, Anlaufstellen, Apps und was fürs Auge

Bücher

Ich habe einige interessante Bücher zu dem Thema Frühchen gefunden. Gerade warte ich ganz gespannt auf die Lieferung von „Unsere Lisa ist ein Frühchen. Das Buch für Geschwisterkinder“ (Affiliate-Link*) und freue mich, es zusammen mit dem Kleinen zu lesen. Die kindgerechte Sprache soll den Kleinen dabei helfen, das Thema besser zu verstehen.
Das Kinderbuch „Leo – früh geboren“* richtet sich an 5-7 jährige Geschwisterkinder und erklärt durch viele Illustrationen den Alltag auf einer Frühchenstation. Auch das wird demnächst geliefert – ich werde berichten!
Für die Frühchen selbst habe ich ebenso etwas Tolles entdeckt: „Eine Stimme für Frühchen: Vorlesegeschichten am Inkubator“* soll sehr einfühlsame Kurzgeschichten beinhalten, die betroffenen Eltern Mut machen und sie in dieser sehr emotionale Zeit unterstützen.

Anlaufstellen

Bundesverband Bunter Kreis e.V. – ein Verein mit der Vision, eine flächendeckende Nachsorge zu erreichen damit u.a. frühgeborenen Kindern und deren Familien das Leben gelingt. Auch Patiententrainings und Angebote für Geschwister gehören zum festen Bestandteil der Bunte Kreis Einrichtungen (die Standorte sind über den Link zu finden).
Harl.e.kin – Dieses Nachsorgeanbebot für früh- und risikogeborene Kinder und ihre Familien wird in Bayern angeboten. Die 23 Standorte helfen beim Übergang von der Klinik nach Hause. Im Gegensatz zum Bunter Kreis (der ausschließlich medizinisch indiziert helfen kann) zählen hier gleichermaßen kindliche und elterliche Gründe als Indikation für die Nachsorge.
Wellcome – eine Anlaufstelle der etwas anderen Art: hier kann man an 250 Standorte Nachbarschaftshilfe für Familien nach der Geburt finden. Außerdem vermittelt sie ehrenamtliche MitarbeiterInnen, die Familien individuell unterstützen.

Warum ich mich jetzt schon um die Nachsorge kümmere? Tue ich eigentlich nicht. Aber es sind genau die richtigen Anlaufstellen die man aufsuchen kann, wenn man ein Netzwerk aufbauen möchte mit Eltern, die ein ähnliches Schicksal erleben und vor ähnlichen Herausforderungen, Fragen und Nöten stehen. Der Austausch kann Wunder wirken! Und das auch schon lange vor der Nachsorge.

App

Die App „Hallo Frühchen“ informiert auf kindgerechte Weise anschaulich über das Thema Frühgeburt. Damit können Geschwisterkinder ein Verständnis für die besondere Anfangssituation entwickeln. Ganz nebenbei befinden sich auf der Seite unzählige Informationen zum Thema Frühchen.
Daneben gibt es eine Reihe anderer Apps, die einen durch das Leben als Frühchen-Eltern begleiten sollen. Hier können z.B. Meilensteine festgehalten und die Entwicklung anhand von Wachstumskurven begleitet werden. Dazu einfach „Frühchen“ in den Apps suchen.

Meilensteinkarten

Wer kennt sie nicht: hübsch gestaltete Meilensteinkarten für die Zeit der Schwangerschaft, für die erste Zeit mit Baby… Ich habe zwei wunderschöne Geschenke von meiner Kollegin Kerstin bekommen, die auf dem Blog sanvie-mini die herzallerliebsten Dinge für das Leben mit Kindern vorstellt. Mit ihren minimalistisch gestalteten Meilensteinkarten fürs Baby hat sie schon mein Herz erobert. Aber dann! Dann überraschte sie mich mit den Frühchen-Karten und ich war hin und weg. Meilensteinen wie „ich hätte heute Geburtstermin“ oder „ich habe heute allein geatmet“ trieben mir die Tränen in die Augen… Wer sich für die Karten interessiert, kann sich gerne per Mail mit Kerstin in Verbindung setzen und sie als Printables downloaden.

Genießen, genießen, genießen

Das Wichtigste zum Schluss: wir versuchen jede freie Sekunde miteinander zu genießen. Ganz und gar bewusst.
Natürlich stehen wir der Ungewissheit, was uns die Zukunft bringt, machtlos gegenüber. Aber das Heute können und wollen wir aktiv gestalten – mit lautem Gelächter, den buntesten Farben, viel Freude und noch mehr Liebe. Wir machen unsere eh unglaublich starke Bindung zueinander noch stärker und üben schon jetzt, wie unser Familienleben auch in Zukunft sein wird: glücklich wie eh und je.

Frühchen - Geschwisterkinder auf eine Frühgeburt vorbereiten - unsere Erfahrung, etliche Tipps und gute Bücher - Erfahrungsaustausch

Falls euch noch weitere Tipps einfallen, die ich hier nicht bedacht habe – ich freue mich sehr, von euch in den Kommentaren zu hören!

* Diese Affiliate-Links sind meine ganz persönlichen Tipps. Kaufst du dort etwas, kriege ich eine kleine Provision für diese total ehrlich gemeinte Empfehlung – ohne dass es dich mehr kostet.