Die Tage sind lang. Die Nächte sind länger. Oder sollte ich lieber unendlich sagen? Die Dunkelheit möchte schlicht nicht aufhören.

Sie wird nur von den flackernden Lichtern unterbrochen, die über mir vorbeiziehen. Hektisches Flüstern. Zwei Schwestern schieben mein Bett eilig durch die Krankenhausflure. Schnell soll es gehen, jemand sollte mich dringend untersuchen. Die Schwestern flüstern weiter und sprechen mir gleichzeitig Mut zu: Ich soll mir keine Gedanken machen, es wird alles gut. Die Gänge scheinen kein Ende zu nehmen. Plötzlich wird das Licht greller, der Raum kälter und die Stimmung ernster. Wir kommen an.
Das Piepen der Monitore, das Klappern der Werkzeuge, das Zischen der Geräte, die fremden Stimmen. Mein Herz bleibt stehen. Hier soll ich nicht sein. Hier will ich nicht sein. Doch nicht schon wieder!
Es geht alles viel zu schnell. Schneller als ich es realisieren kann. Sie haben meine Tochter geholt. Ein kleines, zartes, aber gesundes Mädchen. Ich darf sie nicht sehen, sie muss sofort auf die Intensivstation, unter Vollnarkose höre ich sie nicht schreien.
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wie konnten die Ärzte sie so lange Zeit übersehen? Warum wusste ich nichts davon? Wie konnte ich immer noch schwanger sein? Warum holten sie sie nicht schon beim Kaiserschnitt meines Sohnes? Wurde sie dabei übersehen? Kann man ein zweites Kind beim Kaiserschnitt überhaupt übersehen? Warum ließen die Ärzte sie noch so lange in meinem Bauch? Und warum ist sie jetzt nicht mehr dort? Warum wird mir mein Kind schon wieder genommen? Warum?
Ich will schreien. Und wache schreiend auf.

Seit drei Wochen sind meine Tage lang. Und die Nächte noch länger. Sie machen mir Angst. Das Schlafen macht mir Angst. Ich möchte nicht schlafen. Nicht schon wieder diesen Traum. Nicht schon wieder schreien. Nicht schon wieder „ich hasse dich“ schreien.
Ich möchte wach bleiben und an meinen Sohn denken. So, so, so sehr intensiv an ihn denken, dass er es über die vielen Kilometer die uns trennen spüren kann. Ich möchte wach bleiben und daran denken, wie er schläft. Ruhig, tief und fest schläft. Ich möchte spüren, dass es ihm gut geht, dass es ihm weder an Wärme noch Geborgenheit oder Vertrauen fehlt. Ich möchte, dass er sich so wohl fühlen kann wie noch vor drei Wochen in meinem Bauch.

Ich dachte, ich hätte mich auf diese Zeit vorbereitet. Das Leben mit einem Frühchen. Darüber geschrieben habe ich, viele lange Zeilen. Unsere größte Sorge dabei: wie wir es logistisch hinbekommen. Kind, Hund, Alltag. Lächerlich – unsere größte Sorge ist unser kleinstes Problem.
Und dann stolpere ich über ihn. Über einen Satz, ganz nebenbei geschrieben. Einer, der „es“, unser gesamtes Leben, seit drei Wochen besser nicht beschreiben könnte:

Wir wollen uns auf etwas vorbereiten, auf das es keine Vorbereitung gibt.

Eigentlich hätte ich nicht mehr schreiben müssen als diesen Satz. Denn auch wenn wir uns etliche Gedanken gemacht haben – das, was kam, ging uns nicht ansatzweise durch den Kopf. Nicht. Ansatzweise.

Drei Wochen später kann ich das Ganze noch nicht begreifen.
Tag für Tag lasse ich mein Baby allein. Ich bin nicht da wenn es nachts weint, ich bin nicht da wenn es Hunger bekommt, ich bin nicht da wenn ihm etwas weh tut oder es einfach meine Nähe braucht. Der Gedanke daran lässt mich schier verrückt werden.
Ich gucke an mir herunter und verstehe nicht, warum mein Bauch kleiner wird. Ich verstehe es nicht. Es kommt nicht an. Dass mein Baby im Krankenhaus liegt und nicht mehr in meinem Bauch ist – es kommt nicht an. Genauso wenig wie beim Großen, der in der ersten Woche über meinen Bauch streichelte und mit dem Baby redete. Was ich in dem Moment empfunden habe: dieses Gefühl sollte niemand kennen.

Ich blicke zurück und kann nicht begreifen, dass schon drei Wochen vergangen sind. Ich kann nicht begreifen, wie sehr ich mich alleine fühle. Und ich falle, und falle, und falle.

Tagtäglich blicke ich in die Gesichter von wahren Engeln, die ununterbrochen für meinen Engel da sind. Sich kümmern, sich bemühen, das Unmögliche möglich machen. Und von Tag zu Tag fällt es mir schwerer zu akzeptieren, dass sie diese Engel sind. Die sich kümmern, sich bemühen und das Unmögliche möglich machen. Und nicht ich es bin.

Das Einzige, was ich nach diesen drei unendlichen Wochen begreife ist die Tatsache, dass ich diesen Blogpost leider nicht so abschließen kann, wie ich es am liebsten würde.
Ich kann nicht schreiben wie ich plane, die Kraft aus mir zu schöpfen um mit dieser Situation fertig zu werden. Denn es ist mehr als „eine Situation“, und es bedarf so viel mehr als nur damit „fertig zu werden“.
Ich kann nicht über die Kraft der positiven Gedanken schreiben, die mir dabei helfen, bei mir zu bleiben. Denn „bei mir“ ist gerade der Ort, an dem ich am wenigsten sein möchte.

Ich kann nur schreiben, dass ich weiß, welche Stärke darin steckt, schwach zu sein. Sich die Zeit zu nehmen, jede Träne zu spüren. Zu denken, unten angekommen zu sein, um erst dann die Kraft zu finden, nach oben zu klettern. Ja, leider – oder zum Glück – weiß ich es.

Und dann, dann wird der Tag kommen. An dem ich die Kraft aus mir heraus schöpfen und die positiven Gedanken mich begleiten lassen kann. An dem es mir eine Freude sein wird, bei mir zu sein. Ich weiß genau welcher Tag es nur sein kann und ich weiß auch, dass er immer näher kommt. Dass er nur näher kommen kann.
Ich kann es kaum erwarten. Die langen Tage und die noch längeren Nächte. Endlich zusammen.

Gefühle nach einer Frühgeburt - Eine Frühchenmama schreibt