„Maniva Melo, Hallo-oh!“
Erst nach der kurzen Vorstellung darf ich weitermachen: auf den Türsummer warten, Muttermilch aus der Tasche holen, Wertsachen einschließen, Hände und Arme desinfizieren, tief ein- und ausatmen, aus der Schleuse austreten und den Flur entlang laufen.
Siebenunddreißig Tage lang begleitet sie mich auf dem Weg zu unserem Sohn:

Die schier unendliche Hoffnung.
Die Hoffnung, die mein Herz schneller klopfen lässt. Endlich kann ich ihn sehen, endlich kann sein Herz dem meinigen wieder so nah sein.
Die Hoffnung, ihn in guter Verfassung anzutreffen.
Die Hoffnung, ein wenig Zeit mit ihm verbringen zu können. In Ruhe, ohne dass ich jemanden um Erlaubnis fragen muss, ohne dass ich vor dem leeren Bettchen stehe weil jemand anders für mein Baby sorgt.
Die Hoffnung, das Verständnis dafür aufzubringen, dass wir ein Team sind – die Ärzte, die Schwestern und ich – und dass es ok ist, wenn sein Bettchen gerade leer steht.
Die Hoffnung, auch heute wieder den Mut zu finden, der mich über mich hinauswachsen und jeder noch so großen Herausforderung die Stirn bieten lässt. Der Mut den ich brauche, um den Kleinen bedingungslos zu unterstützen.
Die Hoffnung, dass die Kraft in meinen Beinen mich nicht verlässt, wenn die Ungewissheit mich aufzufressen droht.
Die Hoffnung, all die Angst, die Sorgen, die schlechten Gedanken in der Schleuse lassen zu können. Und die Hoffnung, dass sie mich nicht einholen, wenn ich wieder nach Hause gehe und unseren Sohn alleine lassen muss.

Ja, sie ist die ganze Zeit da, diese Hoffnung. Mal kann ich sie besser, mal kann ich sie schlechter sehen. Mal auch gar nicht – lange Zeit ist es dunkel um mich herum.
Diese Dunkelheit lässt mich orientierungslos zurück, ich irre durch scheinbar unendlich lange Wege, verstört durch die vielen Kabel, das laute Gepiepse, das hektische Geflüstere. Nichts ist vertraut, alles ist bedrohlich. Ich habe keine Wahl außer immer weiterzugehen.
Im Wort Mutter steckt Mut drin – Mutter eines Frühchens zu sein ist nichts für Feiglinge.

Der immer wieder kommende Albtraum beschert mir viele schlaflose Nächte. Erholung, die ich so dringend brauche. Erholung die ich nur finde, wenn ich beim Känguruhen dem Kleinen nahe sein kann. Ich blende die Kabel, das Gepiepse und das Geflüstere aus, versuche die Hektik und die Traurigkeit die in der Luft hängen zu ignorieren. Ich schließe die Augen und höre sie, die Frage auf die ich schon so lange warte: „Können Sie morgen ihre Babyschale mitbringen?“. Auch wenn es nur ein Traum ist – es ist der erste schöne seit so vielen Wochen. Und da weiß ich, es geht aufwärts. Ich weiß es einfach. Die Hoffnung ist da, ich kann sie förmlich spüren. Positive Gedanken sind da – ich kann sie zulassen und empfange sie mit offenen Armen.
Einige Stunden später werde ich tatsächlich gefragt, ob ich nicht einziehen möchtet. Pure Realität, die ich so lange herbeigesehnt habe – ich darf bei meinem Baby sein, 24 Stunden am Tag. Wir fahren sofort nach Hause und holen meine Sachen, ich ziehe noch am selben Tag ein.

Ich sehe es, das Licht am Ende des Tunnels.
Ein kleines bisschen Licht. Und doch genug um die vielen Hände zu sehen, die uns gereicht werden, um uns den Weg ein Stück lang zu begleiten. Um uns daraus zu helfen.
Die Hände alter Freunde, die uns während dieser Zeit nie allein gelassen haben. Die Hände neuer alter Freunde, die sich dann zeigen wenn man sie am meisten braucht – unabhängig davon, wie viel Zeit vergangen ist. Die Hände neuer Freunde, die aus dem nichts auftauchen und unseren Weg mitgehen. Ich sehe meine Freunde und weiß: so wie es ist, ist – und wird – alles gut.

Allein auf diesem Bild sind 20 Jahre Freundschaft zu sehen. Bedingungslose Partnerschaft. Ewige Verbundenheit. Was können wir uns glücklich schätzen, unseren Kindern einen tollen Vater und soviel Familie schenken zu können!

Und als ich am wenigsten mit ihm gerechnet habe, war er plötzlich da: Der Tag, an dem wir wieder ganz und gar unbeschwert, laut und aus tiefstem Herzen lachen konnten.
Ich glaube, so ähnlich muss sich Heilung anfühlen: ein ganz kleines bisschen warm und wohlig, eine Umarmung für die Seele, ein schüchternes Gefühl von Geborgenheit.
Die Welt bleibt stehen und für einen Moment laufen wir nicht kopflos umher, sondern konzentrieren uns ganz und gar auf diese eine Sache: die Liebe, die uns jeden auch noch so schweren Weg gehen lässt.

Regenbogenfamilie - zwei Frauen ein Kind Kinderwunsch