Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

– Hermann Hesse

Manchmal passieren Dinge, die das Leben komplett auf den Kopf stellen.
Eine Schwangerschaft, die sich als Risikoschwangerschaft entpuppt.
Ein Risiko, welches zur Realität wird.
Mütter eines Frühchens werden.
Großer Bruder werden.
Den kleinen Bruder durch den Inkubator kennenlernen.
Gemeinsam kämpfen bis alle zu Hause sind.
Einige Tage später zum ersten Mal große Ferien haben.
Einen neuen Familienalltag erfinden.
Viele Arzttermine, wenig Zeit, viele Sorgen, wenig Geduld.
Jeder Punkt für sich genommen eine riesige Veränderung. So riesig, dass eine von ihnen beinahe im Trubel untergeht: der Tag, an dem die Kita wieder anfängt.

Gestern war es soweit. Wir haben den Großen in sein zweites Kitajahr begleitet, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Es fühlt sich an wie das Ende eines verrückten Sommers, an dem wir viel gerudert und gestrampelt, viel gekämpft und erreicht und noch mehr gelacht und geweint haben. Wir haben alle unsere Grenzen kennengelernt, überschritten und neu gesteckt. Ein verrückter Sommer, unendlich lang und doch nicht lang genug.

Ich hätte dem Großen gerne einen unbeschwerten Sommer geschenkt. Parks besucht, Ausflüge gemacht, ihn auf den Schultern getragen, neue Orte kennenlernen, ihm von der Welt erzählen. Ich wäre gerne mit ihm auf dem Ponyhof gewesen, hätte ihm gerne häufiger und länger vorgelesen, ihn mit Meereswasser nassgespritzt, einen Drachen steigen lassen, in jeder Wolke ein Tier erkannt, in einem Zelt geschlafen.
Ich habe ein schlechtes Gewissen ihm nicht all das geboten zu haben. So, jetzt ist es raus. Und ich weiß, es ist verrückt. Zwischendurch meldet sich meine Vernunft durchaus noch zu Wort und sagt mir genau das: Es ist verrückt. Und auch: Es ist ok. Es ist in Ordnung so, dass meine, dass unsere Welt stehen geblieben ist. Weil sie in Wahrheit nicht stehen geblieben ist – sie hat sich einfach nur noch um uns gedreht.

In diesem Sommer ist etwas ganz Besonderes passiert. Jeder einzelne von uns ist gewachsen. Unsere Familie ist gewachsen. Wir sind gemeinsam als Familie gewachsen. Unser Wir ist gewachsen.
Der Kleine ist großer Bruder geworden. Auch in seinem Sommer ist etwas ganz besonderes passiert: Er ist gewachsen.
Wir alle fangen neu an, wir rumpeln uns in unseren neuen Positionen zurecht. Anfangs noch vorsichtig und etwas widerwillig, werden wir mit der Zeit immer mutiger und wachsen in unsere Rollen hinein. Rücken enger zusammen und fangen an, eine Einheit zu bilden. Seite an Seite, stark wie selten zuvor. Wir alle fangen neu an. Stellen fest, dass die Zeit uns einen neuen Blickwinkel schenkt.

Und da ist er plötzlich. Der Zauber, auf den ich in den letzten Wochen sehnsüchtig wartete. Der Zauber, der einen umhüllt, wenn ein Baby geboren wird. Der Zauber der einen begleitet, wenn man Stück für Stück in sein neues Leben schreitet. Der Zauber, von dem ich dachte, es gäbe ihn nicht mehr.
Groß und mächtig steht er vor uns: Der Zauber, der jedem Anfang inne wohnt.

Die Anfangszeit mit einem Frühchen - aneinander gewöhnen und neu beginnen - über das Leben nach einer Frühgeburt