Ihr Lieben, ihr habt vielleicht gemerkt, momentan ist es hier ungewöhnlich ruhig. Doch hier, also wirklich hier, bei mir zu Hause, hier ist es alles andere als das.

Zu gerne würde ich euch erzählen, dass ich hochkonzentriert an unglaublich spannenden Projekten arbeite, von denen ich euch leider noch nichts erzählen darf. Doch die Wahrheit ist: Hier ist das Leben voll im Gange, mit all seinen wunderschönen Höhen und den dazugehörenden Tiefen. Oder anders gesagt: Hier scheppert es gerade gewaltig im Karton.

Mit der Geburt eines Kindes beginnt immer eine Reise ins Unbekannte. Bei uns ist sie wortwörtlich zu nehmen. Wir passen unseren Kurs regelmäßig an, brauchen für einige Strecken überraschend kurz und für andere unerwartet lange. Doch wohin unsere Reise führt, das wissen wir nicht. Und diese Tatsache ständig so klar vor Augen zu haben, damit muss ich lernen zurecht zu kommen.

Lange habe ich mit mir gehadert, ob ich das hier zum Thema mache. Darüber zu schreiben, dass ich gerade ein Tief erlebe. Wie schwach ich mich dabei fühle. Wie sehr mich Dinge aus dem Gleichgewicht bringen. Dem Gleichgewicht, das ich seit der Geburt komplett aus den Augen verloren habe. Wie verletzlich ich gerade bin. Wie viel Kraft es kostet, positiv zu denken und nach vorne zu schauen.

Denn egal wo ich hingucke: das Netz ist voller lächelnder Gesichter erfolgreicher Menschen, die kein einziges Tief zu erleben scheinen. Und wenn, dieses schnellstens hinter sich lassen. Dass es nicht so sein kann, dürfte klar sein.

Doch Schwäche und Verletzlichkeit sind zwei Dinge, die nicht in der Öffentlichkeit stattfinden. Das ist ok und etwas, was jeder für sich entscheiden sollte. Und heute entscheide ich mich dagegen – denn ich weiß, dass es einige von euch gibt, denen es so geht wie mir.

In solchen schwierigen Phasen ziehe ich mich sehr zurück. Poste nichts, antworte nicht auf Nachrichten, gehe nicht ans Telefon. Ich denke viel darüber nach, was meine jetzige Situation ausmacht. Gehe jede einzelne Baustelle durch. Die Frühgeburt. Die damit verbundenen Ängste. Die Sorgen. Die Veränderungen in meiner Familie. Die Veränderungen in meinem Alltag. Die Veränderungen in meinem Verhalten.

Anfangs fühlt es sich so an, als würde ich mit meinen Gefühlen an einem runden Tisch sitzen. Wir reden laut durcheinander, gestikulieren wild, jeder versucht auf sich aufmerksam zu machen. Nach und nach ziehe ich mich immer weiter zurück und versuche, jedem zuzuhören. Überlege, was ich anders und besser machen kann. Wie ich mir dabei helfen kann, die Angst zu besiegen, die Traurigkeit loszuwerden, die Wut aus meinem Leben zu verbannen, die Enttäuschungen zu akzeptieren.

Ich weiß, wenn ich von diesem Tisch aufstehen möchte, muss ich sie verstehen. Ich muss die Gefühle kennenlernen, ich muss erfahren, was sie mir sagen möchten, ich muss auf sie eingehen.
Also nehme ich mir die Zeit, traurig zu sein. Darüber, dass ich meine Schwangerschaft nicht genießen konnte. Darüber, dass die erste Zeit mit dem Kleinen so verdammt hart war. Darüber, dass ich das Gefühl habe, nichts und niemandem gerecht zu werden.
Ich lasse die Angst zu. Beobachte jede Bewegung des Kleinen mit Argwohn. Stelle Ärzten dreißig Mal die gleichen Fragen. Frage mich immer und immer wieder was die Zukunft für uns wohl bereit hält.
Ich nehme mir die Zeit, enttäuscht zu sein. Über vermeintliche Freunde, die schlicht verschwunden sind. Über leere Floskeln. Über leere Versprechen.

Und während andere womöglich mit den Hufen scharren und von mir erwarten, dass ich langsam gefälligst zu funktionieren habe, weiß ich instinktiv, was zu tun ist.

Die Kraft der Schwäche - warum schwach sein uns stark macht

Nichts erfordert mehr Mut, als schwach zu sein

Ich lasse die Tränen zu. Ich lasse die Gefühle zu. Ich lasse mir Zeit.
Ich ziehe mich zurück. Um aus den negativen Dingen zu lernen. Um daran zu wachsen. Um auch aus dieser Krise Kraft zu schöpfen.
Die Kraft, die ich brauche, um neue Methoden auszuprobieren. Um zu schauen, was mir in Zukunft dabei helfen kann, mit dem einen oder anderen Gefühl besser umzugehen.

Ich rede mit denen, die mich enttäuscht haben. Versuche zu verstehen, warum sie es taten. Versuche dann herauszufinden, ob mir dieses Wissen mir dabei hilft, die Enttäuschung zu verarbeiten, loszulassen.
Versuche gleichzeitig aber auch zu akzeptieren, dass ich nicht bei jedem soweit bin.

Ich hebe den Kopf und versuche noch weiter zu schauen als es mich meine Größe gerade erlaubt. Ich strecke mich und greife nach oben. Zu meinen Träumen. Sie sind zum Greifen nah. Langsam und Schüchtern erlaube ich mir, mich wieder groß und gut zu fühlen.

Nichts erfordert mehr Mut, als Schwäche zu zeigen

Ich weine und drücke den Kleinen fest an mich. Schaue mir Fotos aus der Anfangszeit an. Erfreue mich daran, was er bisher geschafft hat. Platze vor Stolz. Stolz auf ihn, auf mich, auf unsere Familie. Auf die Gewissheit, auch die schwierigste Zeit gemeinsam zu meistern. Auf die Gewissheit, dass die Schwäche meine größte Stärke ist. Auf die Gewissheit, noch ganz am Anfang zu stehen – mit dem Blick nach vorne und viel Mut im Herzen.

Auf die nächsten Abenteuer, ihr Lieben!