Ständig geht dieses blöde CTG-Ding ab, der Alarm klingelt, eine Schwester klebt es neu an. Das geht schon den ganzen Tag so, vorgestern, gestern, heute; nun ist es mitten in der Nacht und ich kann nicht mehr schlafen. Ich liege wach und lausche den Herztönen. Leise, laut, langsam, schnell: Die Dezelerationen geben den Takt für meine Gefühle vor. Die Leichtigkeit, die Zuversicht, die Hoffnung der letzten Tage sind so vielen anderen Gefühlen gewichen. Ich bin verängstigt. Ich mache mir Sorgen. Ich bin traurig, ich bin erschöpft. Ich bin nicht soweit. Ich möchte loslassen, doch ich kann es nicht. Ich möchte loslassen. Ich möchte loslassen. Ich muss loslassen.
Noch bevor die Tür plötzlich aufgeht weiß ich es: ER ist soweit. Es kann losgehen.
Es muss losgehen.

Was ich in dieser Nacht vor sechs Monaten noch nicht wusste: es sollte das erste von leider sehr, sehr vielen Malen sein, in der ich die Angst in ihrer reinster Form spüren sollte. Ein kaltes, hässliches Gefühl, welches jede Zelle meines Körpers von oben nach unten in höchste Alarmbereitschaft versetzt und mir die Luft abschnürt. Die Beine weich, der Mund trocken, die Pupillen groß. Mein Herz rast so schnell wie nie zuvor, und doch warte ich eine Ewigkeit auf den nächsten Schlag, der verstörend laut in der Stille meiner Gedanken hallt.

Einatmen, ausatmen, einen runden Rücken machen, die Schultern locker nach vorne fallen lassen. In Gedanken bin ich zu Hause, ein Picknick mit meinen Lieben, lautes Kinderlachen, das Schattenspiel der Blätter auf der Gartendecke. Von der ich nicht aufstehen möchte, als die Ärztin laut Abbruch ruft, als der Alarm läutet, als die PDA nicht wirkt, als sie mir wehtun, als die Vollnarkose endlich einsetzt.

Schwere Hirnblutung. Es kann alles und nichts bedeuten. Es kommt nicht an. Ich lasse es nicht an mich heran. Ich entscheide mich für nichts. Ich stehe auf, ich laufe zu ihm, ich tauche in seine Augen ein, ich lege ihn auf meine Brust. Von der ich ihn nicht wegnehmen möchte als der Alarm läutet. Als eine neue Hirnblutung dazu kommt.

Mein Herzschlag hallt verstörend laut in der Stille meiner Gedanken. Abwarten, die nächsten 24 Stunden sind entscheidend. Entwarnung. Doch keine zweite Hirnblutung, das muss eine Zyste sein. Es muss nichts bedeuten. Weiche Beine, trockener Mund, große Pupille. Ich halte ihn fest.
Ich halte mich an ihm fest. Als der Alarm läutet und er nicht mehr atmet. Immer und immer und immer wieder nicht.

Ein Tag jagt den nächsten. Die Aussetzer werden seltener. Ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr mit der Angst umzugehen. Lerne, dem Kleinen zu vertrauen. Trotze mit ihm jeder Diagnose. Neugeborenengelbsucht. Unterzuckerung. Infekt. Gotischer Gaumen. Schwerhörigkeit. Leistenbruch. Mikrozephalie. Entwicklungsverzögerung.
Als wir das Krankenhaus verlassen, ist die Aussage, dass die Blutung nichts bedeuten muss das einzige, was in meinem Kopf noch hallt. In diesem dunkelsten Moment ist der Kleine mein einziges Licht.

Und dort, in der Stille meiner Gedanken begegne ich ihnen wieder. All den Gefühlen, die die Angst unter sich begraben hat. Dem Vertrauen, das mich weiter kämpfen lässt. Der Trauer, die meine Augen mit Tränen füllt. Der Hoffnung, die langsam zu keimen beginnt. Der Enttäuschung über alte Freunde, die heute keine mehr sind. Der Freude über die neuen, die nun an meiner Seite laufen. Der Liebe meiner Familie, die mich über mich hinauswachsen lässt. Der Zuversicht, dass alles wieder gut wird.

Hohe Wellen, die da auf meine kleine Nussschale schlagen. Ich brauche Hilfe um nicht unterzugehen, ich nehme sie an. Ich lege den Kleinen auf meine Brust, ich tauche in seine Augen ein. Ich lasse seinen Blick nicht los. Und während ich darauf warte, dass er meinen Blick erwidert, baut sich ein neuer Sturm um uns herum auf. Papillenkolobom. Grubenpapille. Nystagmus. Cogan-Syndrom. Eine Entsetzlichkeit jagt die nächste, die Wellen peitschen uns ins Gesicht.

Anstatt das Leben zu feiern, feiern wir es am Leben zu sein. Um jeden Morgen eine neue Chance zu bekommen. Heute ist es ruhig, hier im Auge des Sturms. Morgen bringt uns ein MRT eine neue Chance.
Eine neue Chance für den Mut den ich so dringend brauche. Damit meine Angst endlich Angst vor mir hat.