45 Tage. 

Anderthalb Monate, die es in sich haben: Im neuen Jahr lässt sich jeder Tag wie eine Prüfung anfühlen. 
Jeder Tag ein gleich langer Weg, der zurückgelegt werden möchte. Ein viel zu langer Weg für einen viel zu kurzen Tag. Ein viel zu beschwerlicher Weg für einen viel zu unausgeruhten Körper. Ein viel zu unebener Weg für einen viel zu aus dem Gleichgewicht geratenen Verstand. 

Ein Rückblick 

Seit acht Monaten versuche ich mich an mein neues Leben zu gewöhnen und es fühlt sich an, als scheitere ich auf der ganzen Linie. Ich hetze, renne, stolpere, falle hin, stehe auf, versuche zu gehen, werde ungeduldig, renne weiter. Versuche konsequent nach vorne zu schauen und meine eigenen Gedanken weit hinter mir zu lassen. Am Ende des Tages falle ich erschöpft aufs Bett. Mit dem Gefühl, einen Marathon gelaufen zu sein und mich trotzdem nicht vom Fleck wegbewegt zu haben. Denn die Liste, die wird immer länger. Und jeder Punkt darauf wichtiger und dringender denn je. 

Zig Umzugskartons, seit einem Jahr im Babyzimmer gestapelt. Mehrmals am Tag beim Stillen sitze ich zwischen ihnen und frage mich, warum die Bücher darin nicht schon eingeräumt sind.
Zig Quadratmeter verteilt auf zwei Zimmer, seit Ewigkeiten nicht mehr betretbar. Bis unters Dach voll mit lauter „der Besuch kommt gleich, ich stelle es schnell weg“-Dingen. Dingen, die ich mir nochmal angucken will, es aber niemals tue. 
Zig unfertige Artikel, für die mir der Mut oder die Zeit, der letzte Schliff oder die Motivation für die Veröffentlichung fehlen. 
Zig Staubwolken, die sofort an den Hosenbeinen kleben, wenn man diese beim Anziehen den Boden berühren lässt.
Zig Notizen, Briefe und Papierstapel, die nach einer Antwort, einer Klärung, einer Handlung verlangen. Die Stiefkindadoption. Die Beantragung von Förderungen. Die Steuer. Die Autoinspektion. Die Namensänderung. 
Zig Kilos zu viel, die mich täglich daran erinnern, dass ich zu wenig tue und mir deswegen keine Pause gönnen dürfte.

Zig Dinge auf einer niemals endenden Liste. Zig Dinge, die ich auf meinen Schultern und Hüften trage. Sie machen mich ungelenk, behäbig, langsam. Sie behindern mich. Schlimmer noch: Sie versperren mir die Sicht und somit meinen Weg. Der Berg an Dingen, die zu tun sind, ist inzwischen so groß, dass ich mich frage, ob sich der Weg wirklich lohnt. 

Denn während ich innerlich immer wieder versuche Anlauf zu nehmen, läuft das Leben in schnellen Schritten weiter. In viel zu schnellen Schritten. Drei Blaulicht-Einsätze innerhalb von zwei Wochen – wenn meine Kraft bis hierhin gereicht hat, ist sie an dieser Stelle schlicht ausgeschöpft. Spätestens mit dem letzten Einsatz. Der nicht dem Kleinen gilt.

Trauma nach Notkaiserschnitt und Frühgeburt

Alles auf null

Anhalten. Halt. Halt, Stop! Manchmal braucht es einen Impuls von außen, damit die Karussellfahrt endlich ein Ende findet. Sie muss ein Ende finden, soviel steht fest. Die letzten sieben Tage haben das geschafft, was die 38 davor nicht erreicht haben: dass ich aussteigen kann. Oder zumindest das Gefühl habe, immerhin einen Fuß auf den Boden stellen zu können. Ich möchte das alles nicht mehr. Ich möchte diesen zig lächerlichen Dingen nicht mehr diesen Raum geben. Ich möchte nicht, dass sie mich blockieren und mich noch weiter nach unten ziehen. Ich möchte die Tage nicht kraftlos und abgeschlagen verbringen, weil mich die Nächte immer länger wach halten. Ich möchte sie schlafend verbringen – und mein Bett nicht mit meinen Ängsten und Sorgen teilen. 
Glücklicherweise hilft mir die „Keil zwischen die Beine werfen“-Methode gerade noch – ich greife nach diesem Strohhalm und halte ihn ziemlich doll fest. Es reicht. 

Ein neuer Anfang


Zig Umzugskartons auspacken. Zig Dinge spenden, zig verschenken, zig verkaufen. 
Zig Quadratmeter gewinnen, ab sofort gilt konsequent „eins rein, eins raus“ – für alles, was neu einzieht, muss etwas altes ausziehen. 
Zig Mal auf Löschen klicken – das, was nicht gesagt wurde, muss vielleicht auch nicht gesagt werden. Und es ist in Ordnung so.
Zig Staubsaugerbeutel benutzen und neue bestellen. Denn die alten, vollen werden zusammen mit dem Anspruch entsorgt, es hier perfekt haben zu wollen.
Zig Mal auf den täglichen Pott Eis verzichten und anstattdessen zig Stunden auf meinem neuen Board verbringen, das mir hoffentlich dabei hilft, wieder etwas beweglicher zu werden. 

Kleine Veränderungen, die mir so viel geben. Platz im Haus. Raum im Kopf. Leichtigkeit im Alltag. Ich merke, wie sich meine Gedanken, meine Gefühle und mein Körper während dieser sieben Tage erholen. Wie gut es tut, Freunde und Familie zu haben, die sofort und ohne zu zögern zur Stelle sind. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön aus tiefstem Herzen, falls ihr das hier lest. Es tut gut, mich wieder fallen zu lassen – und zu wissen, dass ich aufgefangen werde. Ich schaffe es, wieder zu vertrauen. Mir zu vertrauen. Jeden Tag ein Stückchen mehr.

Ich gehe es an

Es ist so viel geschafft. Und dennoch gibt es eine Menge zu tun. Doch diesmal möchte ich mich nicht von der Größe des „To-Do-Bergs“ lähmen lassen. Ich möchte es angehen. Die Sache sofort in die Hand nehmen, anpacken. Nicht nochmal darüber nachdenken, nicht zögern, nicht trödeln und vor allem: mich nicht von den Dingen völlig einnehmen lassen – weder gedanklich noch räumlich noch zeitlich. 

Das muss man sich mal vorstellen: mehrere Tage lang nervt mich das herumstehende, alte Geschirr, was letztens ausgetauscht wurde. Ich laufe täglich an den Tellertürmen vorbei und ärgere mich darüber, dass sie sich zu so vielen Dingen gesellen, die dort nicht sein sollten. Bis ich es angehe, es fein säuberlich sortiere, bruchsicher verpacke, vorsichtig in stabile Kartons lege, sie beschrifte und mir stolz auf die Schulter klopfe. Warum ich all das mache? Für den Auszug des Großen. Ja, das ist leider mein Ernst. Erst der dezente Hinweis meiner besten Freundin, ob ich wortwörtlich noch alle Tassen im Schrank habe, konnte mich davon abhalten, das olle Geschirr für die nächsten Jahrzehnte auf dem Dachboden aufzubewahren. 

Loslassen ist wahrhaftig nicht meine Stärke. Ich bin aber zuversichtlich, dass sie es werden kann. Es kostet mich nur etwas mehr Mühe als andere. Aber ich merke, wie befreiend es ist, das Geschirr wegzubringen. Und merke, dass es keine Rolle spielt, ob es sich um Geschirr, Umzugskartons, Zimmer oder den Speicherplatz auf meinem Laptop handelt. Diese Dinge sind vollkommen austauschbar – das Problem ist und bleibt aber immer das Gleiche. 
Die große Veränderung muss im Kopf geschehen – erst dann können die Taten folgen.

Aber! Genauso wichtig wie das Anpacken ist es, etwas bewusst sein zu lassen. Es ist ok, nicht alles sofort erledigen zu wollen. Solange es als bewusste Entscheidung passiert, die hinterher nicht sofort bereut wird, kann sie eine große Hilfe sein. Die schiefe Lampe wird also weiter hängen, die kaputte Birne weiterhin nicht leuchten und der Schrank noch ein Stück in der falschen Ecke stehen bleiben.
Loslassen üben. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Los geht’s!

Der erste Schritt, der mir immer und bei jedem Problem hilft, ist es darüber zu reden. Ich erzähle, was mich beschäftigt, was mich belastest, was mich bedrückt. Ich schreibe offen über das, was mich im Alltag bewegt, was es mit mir macht. 
Die Reaktionen sind nicht überraschend: die Probleme sind allseits bekannt, jeder hat sie in ähnlicher Form erlebt und häufig schon bewältigt. Jeder auf seine Art. Ich bin gerade dabei herauszufinden, wie meine Art damit umzugehen aussehen kann. Ich möchte mir dabei Zeit lassen und vor allen möchte ich mir erlauben, selbst meine Wege zu finden und sie zu gehen. Selbst wenn es bedeutet, in Sackgassen zu laufen und durch Umwege noch länger zu brauchen.

Klingt einfacher als es ist – vor allem, wenn man von allen Seiten vor Augen geführt bekommt, dass es eigentlich doch ziemlich einfach sein müsste. Das ist der Fluch, wenn man das Herz auf der Zunge trägt: Jeder Trost wird von den besten Ratschlägen begleitet.

Ich solle mich einfach mehr bewegen. Ich solle jeden Tag einfach ein bisschen was machen. Und vor allem: Ich solle mich einfach nicht verrückt machen und einfach einen Gang zurückschalten. Doch wie dieses Einfach konkret aussieht, wenn es zwischen den Kindern, den Stillmahlzeiten, der Arbeit, dem Haushalt, dem Hund, den Therapien, den Arztterminen, den anderen Terminen, den Sorgen, dem sozialen Leben und den eigenen Ansprüchen feststeckt – das vermag mir keiner zu sagen. Und schon sind wir wieder am Anfangspunkt: ich muss meinen Weg selber finden. Doch der erste Schritt ist getan: Die große Veränderung muss im Kopf geschehen.

Ganz neu für mich ist die Erfahrung, nach Hilfe zu fragen. Diese auch anzunehmen. Stiefvater, Beste Freundin, Schwager, Freunde: alle trommele ich sie zu mir. Du betüdelst den Großen. Du bringst was zu essen mit. Du hörst meiner Frau zu. Lass uns einen Plan machen. Sei für uns da.

Ganz neu und immer wieder spannend ist der Versuch, mich selbst zu lieben. Nicht nur zu passenden Gelegenheiten. Sondern ganz rigoros und wahrhaftig zu lieben. Nicht mehr streng zu mir zu sein. Mir meine Fehler zu verzeihen. Mich nicht zu bestrafen. Mehr in mich hineinzuhören anstatt auf die anderen. In diesen Schuhen muss nur ich laufen.

Für mich ein eigentlich albernes, überflüssiges Modewort, das aber doch mit jedem Tag für mich an Bedeutung gewinnt: Achtsamkeit. Ich weiß nicht, ob es per Definition das ist, wie es sich für mich anfühlt. Aber ich merke, dass eine kleine Anstrengung in diesem Bereich für ein großes Outcome sorgt. In allen Bereichen. 

Ich frage mich wer ich bin und was mir dabei helfen könnte, dass ich wieder zu meiner Identität finde. z.B. durch meine Kleidung. Die ich momentan danach auswähle, ob sie sich über die Oberschenkel ziehen lässt und oben zugeht. Dabei möchte ich so gerne, dass sie anders den Weg zu mir findet. Mit Bedacht, damit sich nicht jeder Kauf wie neuer Ballast anfühlt. Mit Verstand, um mich davor zu schützen, immer wieder die gleichen Fehlkäufe zu machen. Mit Herz, damit meine Freude über neue Güter nicht gleichzeitig eine Last oder gar ein Leiden für andere bedeuten muss.

Ich möchte wieder mehr an mich glauben. „Du bist ja verrückt“, „was für eine spinnerte Idee“, „das kann ja nicht gut gehen“ – wer kennt diese Sprüche nicht? Ich jedenfalls kenne sie zu Genüge. Immer und immer wieder bekomme ich sie zu hören, sobald ich etwas Neues machen möchte. Eine neue Sportart? Alle wissen schon vor mir, dass ich da nicht drauf klettern kann. Dass die Hose zu kurz ist. Dass es vermessen von mir ist, anzunehmen, ich würde es schaffen, meine gestreckten Beine zu umarmen. 
Eine neue Reiseart? Alle wissen schon vor mir, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Dass ich nicht der Typ dafür bin. Dass es nicht so sein wird, wie ich es mir vorstelle. Ich lasse mich verunsichern. Was, wenn es regnet? Wenn einer krank wird? Wenn die Kleinen etwas brauchen, woran ich nicht gedacht habe?
Wo keine Steine liegen, werden akribisch welche hingelegt – als wäre nicht jeder Anfang an sich schon schwer genug.

Dabei möchte ich ihn endlich wieder finden. Den Zauber, der einem Anfang inne wohnt. Den Mut, einen ersten Schritt zu machen. Einen zweiten. Und einen nächsten. Die Kraft, weiter zu laufen und die Gelassenheit, anzuhalten, wenn ich eine Verschnaufpause brauche. Vor ein paar Tagen schrieb ich darüber, dass ich weniger durchhalten und mehr durchatmen möchte. Hätte ich bloß meine eigenen Ratschläge beherzigt. Ist aber auch nicht einfach, wenn man sich die letzten Monate als Frühchenmama anschaut. Aber eins kann ich euch sagen: ich möchte meine vielen Versuche, all das irgendwie hinzukriegen, nicht als gescheitert ansehen. Ganz im Gegenteil: nach wie vor bin ich der Meinung, dass nichts mehr Mut erfordert, als schwach zu sein. Und einmal mehr aufzustehen als man hinfällt.

Während ich diesen Text schreibe, hoffe ich dass der Kleine nicht von den Renovierungsarbeiten im Flur wach wird. Ich bin angespannt und frage mich, wie ich den Artikel heute noch veröffentlichen kann, wenn ich den Kleinen gleich noch stille, dem Postboten die Tür aufmache, mir selbst etwas koche, den Hund rauslasse, einen spontanen Besuch empfange, etwas vom schönen Wetter genieße und all das am besten erledige, bevor der Große aus der Kita kommt – damit ich ihm dann all meine Aufmerksamkeit schenken kann. Eine Situation, wie ich sie täglich mehrmals erlebe. Eine Situation, die so bekannt und doch ganz neu ist – denn diesmal lasse ich sie mich nicht aus der Ruhe bringen. 

Die größte Veränderung muss im Kopf geschehen. Immer und immer wieder.